FAS-Symposium am 10.09.05
in Mülheim/Ruhr

Das Fetale Alkoholsyndrom –

eine vermeidbare Tragödie

 

„Das Fetale Alkoholsyndrom, in Deutschland selten diagnostiziert und von der Bevölkerung kaum wahrgenommen, ist ein Spektrum von physischen und geistigen Behinderungen, die durch den mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft verursacht werden. […] Immer häufiger treffen Fachleute auf Kinder mit unsozialem Verhalten, mit Lernschwierigkeiten, mit Sprachproblemen, ADHD und anderen Störungen. Sie mögen die Auffälligkeiten mit FASD[1] in Zusammenhang bringen. Bis heute gibt es in Deutschland aber kein Kriterium, wonach die Mehrfachschädigung FASD als eigenständige vorgeburtliche Behinderung klassifiziert wird.“

So stand es im Programmheft von Fasworld e.V.,(www.fasworld.de dem Veranstalter des großen Symposiums in Mülheim unter der Schirmherrschaft von Herrn Karl Hermann Haack, dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und von Frau Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung.

Anlass für die Termingebung im September ist der Internationale Tag des Alkoholgeschädigten Kindes am 9.9. jeden Jahres, welcher 1999 erstmals von Fasworld ausgerufen wurde. Weltweit wird an diesem FAS-Tag auf die Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft aufmerksam gemacht.

Warum der 9.9.?
Nun, das Kind wächst neun Monate lang im Mutterleib heran und ist darauf angewiesen, dass alles zu seiner gesunden Entwicklung getan wird.

Das Augenmerk der Öffentlichkeit wird häufig auf die Folgen von Nikotin in der Schwangerschaft gelenkt, auch über Schädigungen bei so genannten Drogen-Babys sind viele Menschen informiert.
Wer weiß aber nun wirklich genau, was Alkohol in der Schwangerschaft verursacht? Dies alles ist nebulös, zudem noch mit einem großen Tabu behaftet.

Fasworld Deutschland bringt Licht in diese Sachverhalte und veranstaltete von 2002 bis 2004 drei FAS-Tagungen in den DRK-Kliniken in Berlin-Westend. Erstmals fand dieses Symposium nun im Ruhrgebiet statt. Es gab die bange Frage, ob auch hier genügend Menschen den Weg hierher finden würden, aber diese stellte sich als unnötig heraus. Zum einen haben viele Menschen Fasworld die Treue gehalten und sind Hunderte von Kilometern gefahren  – zum anderen fanden sich viele Menschen, welche vom Fetalen Alkoholsyndrom zum Teil noch nichts gehört hatten und anschließend überrascht waren, wie sehr dieses Syndrom ihr Leben bereits bestimmt hatte

Die Organisation dieses Tages ließ nichts zu wünschen übrig, außer dass der Tag zu schnell verging. Mir fiel auf, dass sich in den Pausen Menschen zusammen fanden und rege diskutierten, Erfahrungen austauschten und neue Kontakte knüpften. Viele kannten sich vorher nicht Viele kannten sich vorher nicht.

Es entstand in mir das Gefühl, dass das emotional mitnehmende Thema selbst diese Nähe zu fremden Menschen zuließ, denn das Fetale Alkoholsyndrom ist schlicht und ergreifend ein Drama, das sich tausendfach in Deutschland abspielt und welches nicht durch einige wenige Hochglanzprospekte der Regierung abgetan ist oder deswegen weniger häufig auftritt. Meiner Meinung nach müsste hier mehr Engagement seitens offizieller Stellen gezeigt werden.

Auch die Workshops am Nachmittag waren gut besucht und es wurde noch im Nachhinein viel diskutiert. Einen Punkt möchte ich noch vom Nachmittag herausstellen. Fasworld hat Experten und Fachkräfte an einen runden Tisch geladen. Ziel war es, interdisziplinär, aber dennoch gemeinsam zu überlegen, was in naher und in ferner Zukunft getan werden kann. Wir dürfen gespannt sein auf die Ergebnisse und hoffen, dass es in Zukunft mehr solcher Gelegenheiten geben wird. 

Der Erfolg des Symposiums lag aber nicht zuletzt an dem großen Aufgebot an Fachkräften, welche als Referenten gewonnen werden konnten.

Herrn Prof. Dr. Spohr, DRK Kliniken Berlin-Spandau FAS-Sprechstunde der tags zuvor noch in Polen auf einer FAS-Veranstaltung gewesen war.

Herrn Dr. Feldmann, Diplompsychologe am SPZ Universitätsklinikum Münster, FAS-Sprechstunde, welcher tags zuvor im ZDF zu sehen war, wo er am direkt am FAS-Tag, eben dem 9.9.05 über das Fetale Alkoholsyndrom berichtete.

Frau Dr. Majewski, Institut für Jugendhilfe, Duisburg, deren Mann in den 80er-Jahren an der Uni Düsseldorf einer der führenden Professoren und Forscher zum Thema FASD war. Frau Dr. Majewski hat sich oft täglich in ihrer beruflichen Arbeit mit FASD auseinander zu setzen.

Frau Dipl. Psych. Gela Becker, Fachliche Leitung Evangelischer Verein Sonnenhof e.V. Berlin, welche – dem Thema: „FAS- Kinder werden erwachsen“ angemessen -  über ihr Wohnprojekt mit jungen erwachsenen FASD-Patienten berichten sollte.

Dr. phil. Martin Zobel, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, Wissenschaftliche Begleitforschung der Kliniken Daun. Psychotherapeutische Praxis in Koblenz, Rheinisches Institut für  angewandte Suchtforschung Koblenz, Lehrbeauftragter der Katholischen Fachhochschule Köln, und  der Fachmann für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Fachreferate:

Dr. Reinhold Feldmann - Einführung in das Thema 

Die erste wichtige Botschaft war, dass auch kleinere Alkoholmengen, die die Mutter zu sich nimmt, dem Kind schaden können. (eigene Anm. Dies belegen im Übrigen auch neueste Studien aus England von Dr. Raja Mukherjee s. LINK links im Kasten.)

Feldmann erklärte sehr deutlich die typischen Gesichtsmerkmale anhand zahlreicher Fotos. Wichtiger als diese äußerlichen Merkmale ist aber, dass das Gehirn das eigentliche Zielorgan für den Alkohol ist. Häufig geht die Schädigung durch Alkohol mit einer Intelligenzminderung einher, wobei es häufig keinen Unterschied in Bezug auf den IQ macht, ob eine äußerlich sichtbare Schädigung besteht oder nicht. Dies ist eines der Hauptursachen für die großen Probleme derer, dessen Aussehen normal ist. Oft ist die Veränderung im Gesicht so minimal, dass dies nur der Fachmann erkennen kann.

Feldmann erläuterte etliche seiner Testverfahren.
Die wichtigsten Erkenntnisse daraus sind:

Bei Menschen mit FASD

  • lässt die Konzentrationsleistung deutlich eher nach.

  • wird Gelerntes vergessen, sobald neues Wissen hinzukommt.

  • ist häufig auch eine Störung in der Feinmotorik vorhanden.

Er hält Fördermaßnahmen für sinnvoll und rät Eltern, diese auch zu nutzen. Wichtig sei dabei jedoch, dass das Kind nicht überfordert werde. Das Kind sollte auch noch Kind bleiben dürfen.

Eine Überforderung findet häufig in der Schule statt. Feldmann fällt auf, dass Kinder mit sichtbaren äußeren Merkmalen eher in einer Förderschule zu finden sind. Die so genannten „unsichtbar“ geschädigten Kinder  hingegen sind eher in Regelschulen – obwohl der IQ oft der Gleiche ist. Das bedeutet, dass ein Großteil der Kinder  nicht in der richtigen Schulform platziert wird. Sie gehörten eigentlich auf eine Förderschule.

Allerdings darf die Förderschule keine allgemeingültiges Ziel der Schulform bei Kindern mit FASD sein, denn jeder Mensch hat seine eigenen individuellen Leistungsmöglichkeiten – auch Kinder und Jugendliche mit FASD. 

Weitere typische Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit FASD:

  • Sie klettern oft waghalsig und schätzen Gefahren nicht richtig ein.

  • Sie rennen auf die Straße, ohne auf Autos zu achten.

  • Sie sind arglos fremden Menschen gegenüber.

  • Sie können fremde Absichten nicht erkennen.

  • sie gehen oft arglos auf andere Kinder zu: „Das ist mein bester Freund!“

  • Kinder mit FASD sind verleitbar und naiv.

Sie können ihr eigenes Verhalten nicht abschätzen und fremde Absichten nicht erkennen und durchschauen, sie gehen mit Fremden einfach mit. Spricht man im Nachhinein mit dem Kind und sagt ihnen, dass sie das nie wieder tun dürfen, so zeigen sie sich durchaus einsichtig und sagen, dass sie es nicht mehr tun wollen. Sie drehen sich um und tun das gleiche wieder – sie haben es einfach vergessen.

Aus diesem Grund wirken hier auch Konsequenzen und Strafen nicht so, wie wir Eltern uns das erhoffen. Z.B. ein Kind fasst auf eine heiße Herdplatte. In der Regel merkt sich ein Kind das und wird sich hüten, wieder das Gleiche zu tun. Ein Kind mit FASD vergisst die gemachte Erfahrung und greift mitunter wieder und wieder auf die heiße Herdplatte.

Dann hörten wir anhand der altbekannten Kindergeschichte: „Max und Moritz“ das typische Verhalten eines Kindes mit FASD.

Wilhelm Busch muss ein Vorbild gehabt haben, er hat mit Moritz nicht nur das typische Gesicht eines Kindes mit FASD gezeichnet auch dessen Verhalten ist dementsprechend.

Die Idee die Hühner zu stehlen,  kommt von Max: „Max hat schon mit Vorbedacht eine Angel mitgebracht.“ – Max ist das gesunde Kind, er plant die Tat im Voraus und bringt die nötigen Utensilien mit – Moritz läuft hinterher und freut sich über diesen Plan. Er wäre von alleine nicht auf diese Idee gekommen.

Wir sahen die Szenen, die jeder aus dem Kinderbuch von Wilhelm Busch kennt. Max angelt – Moritz schaut zu – er ist der Mitläufer, er freut sich. Auch beim Bäcker geht Max voraus, er ist der Planer und Macher und Moritz der Mitläufer - und das ist das typische bei unseren Kindern mit FASD: kritiklos, arglos, verführbar, sie laufen anderen hinterher: „Das will ich auch tun!“ und sind stolz, dabei sein zu dürfen.

Das ist das Typische bei unseren Kindern mit FASD: Kritiklos, arglos, verführbar, sie laufen anderen hinterher: „Das will ich auch tun!“ und sie sind stolz, dabei sein zu dürfen.

Ich finde es immer wieder spannend, Herrn Dr. Feldmann zuzuhören. Schon 2004  konnte er in Berlin auf sehr einfühlsame und trotzdem humorvolle Art und Weise die Probleme unserer Kinder darlegen, ohne die Zuhörer mit unnötigen Fachausdrücken strapazieren zu müssen.

Dr. Majewski – Thema: Bindungsstörungen

Sie stellte eingangs fest, dass man als Therapeut trotz aller Möglichkeiten der Therapie irgendwann an die FAS-typischen Grenzen stößt. Z.B. ist die Reizverarbeitung der Kinder oft schwer gestört und Ursache für häufiges Fehlverhalten – im Verhalten der Kinder ist immer wieder etwas, das ganz typisch sei für Kinder mit FASD.

Majewski erklärte uns, wie wichtig eine Bindung für die kindliche Entwicklung ist. Daraus entwickeln sich:

  • Vertrauen

  • Geborgenheit

  • Zufriedenheit

  • Selbstsicherheit

  • Zuversicht

  • Neugier

  • Fröhlichkeit

aber auch

  • Wut

  • Ärger

  • Angst

  • Enttäuschung

sind Ausdruck einer Bindung. Eine Bindung führt des weiteren zu:

  • Zuneigung

  • Solidarität

  • Loyalität

  • Toleranz

  • Mitleid

  • Moral

  • Offenheit

  • Eifersucht.

Ist das Bedürfnis des inneren Selbst nach einer Bindung sehr hoch, findet man Intimität. Ist es hingegen niedrig, so ist das Verhalten anklammernd und soziale Kontakte werden vermieden.

Geborgenheit durch Bezugspersonen bereitet uns Menschen darauf vor, sich zu binden. Bindung und Entwicklung hängen eng zusammen.

Die kindliche Entwicklung baut sich folgendermaßen auf:

0-6 Monate:

Regulation biologischer Rhythmen und von Spannung

1-12 Monate:

Aufbau selektiver Bindungen

1-3 Jahre:

Aufbau des Selbst und eigenständiger Steuerung

3-6 Jahre:

Aufbau von Freundschaften und Entwicklung von Impulsregulation

6-12 Jahre:

 Aufbau von realen, subjektiven Kompetenzen

12-20 Jahre:

Aufbau eines klaren Wertesystems

Bindungsmuster: So verschieden sie bei uns Menschen sind – bei FASD sind sie desorganisiert.

Durch Bindungsstörungen entwickeln sich auch Störungen in der psychomentalen Entwicklung. Diese umfasst:

  • Intelligenz

  • Lernerfolge

  • Emotionen und Affekte

  • Anpassung und soziale Kompetenz.

Das Verhalten des Kindes ändert sich, es gerät in eine Aufmerksamkeitsspirale herein. Das Kind tut etwas, um gesehen zu werden, auch wenn es negative Aufmerksamkeit erntet.

Auffälliges Bindungsverhalten bei FAS ist:

  • Selbstbezogenzeit

  • Störbarkeit

  • Reizsuche

  • Distanzlosigkeit

  • Ambivalenz (zwischen Meinungen hin- und her gerissen sein)

Häufig treten bei Kindern mit FASD mehrere Faktoren auf. Zum einen die Schädigung durch Alkohol und dann häufig:

  • Vernachlässigung

  • Gewalterfahrung

  • Missbrauch.

Daraus resultieren Verhaltensweisen wie z.B. Aggressionen, Ängste, Regression (zurückfallen in kindliche oder babyhafte Verhaltensweisen wie z.B. Einnässen, Einkoten) Sie trauen Erwachsenen nicht mehr und so kommt es zum Stehlen, Horten von Gegenständen wie z.B. Nahrung, Zündeln => Suche nach Reizen. Diese Bedürftigkeit erwirkt bei Erwachsenen oft Ablehnung und Stress.

Was kann man tun, wenn ein Kind mit solch einer Bindungsstörung in die Familie kommt?  Gehen Sie mit dem Kind so um, wie Mütter intuitiv mit ihren Babys umgehen:

  • nahe an das Gesicht herangehen,

  • Blickkontakt aufnehmen,

  • modulierte Sprache (so, wie man mit einem Baby spricht in einem ruhigen Tonfall)

Man muss also in der Beziehung zu einem Bindungsgestörten Kind ganz von vorne anfangen.

Förderung und Therapie bei Bindungsgestörten Kindern:

  • konstante Bezugspersonen

  • Dialog- und Körperkontakt

  • Strukturen und Rituale

  • Kreativität und Spaß

  • professionelle Fördermaßnahmen

  • Angemessene Beschulung

  • Verhaltenstherapie

  • Familientherapie

 

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