Prof. Dr. med. H.-L. Spohr - Thema: FASD und Kriminalität

Spohr greift in seinen Ausführungen noch einmal zurück in die vorgeburtliche Entwicklung des Kindes. Er geht auf die verschiedenen FASD-Diagnosekriterien ein. Interessant sind die vielen Bilder kindlicher Entwicklung vom Baby zum Erwachsenen

Die sekundäre Probleme bei FASD sind:

  1. psychomentale Gesundheitsprobleme (90%)

    1. 61% ADS als Kinder

    2. 50% Depression als Erwachsene

  2. Schulunterbrechung /Abbruch

    1. wegen Lernstörungen und

    2. wegen Verhaltensstörungen

  3. Konflikte mit dem Gesetz: Ämtern/Polizei

    1. 14% aller 6-11-jährigen

    2. 58% aller Erwachsenen

  4. Freiheitsentzug: Haft, psychiatrische Unterbringung

    1. 23% wegen psychomentaler Erkrankung

    2. 12% stationäre Entzüge (Alkohol/Drogen)

    3. 35% Haft wegen krimineller Straftaten

86% der jungen Erwachsenen bei seinen Untersuchungen waren arbeitslos, 30% der vorwiegend weiblichen Erwachsenen konnten unabhängig leben, dagegen waren 70 % auf fremde Hilfe angewiesen.

Zitat von  Spohr:

„Für mich ist die beste Therapie:
eine Pflegefamilie,
die Marathonqualitäten hat.“

Zur Fallstudie von  Spohr:

Der junge Mann, Sandrino erhält im Februar 2005 in einer Klinik für Psychiatrie folgende Diagnose: „Depressives Syndrom nach Drogen Abusus im Rahmen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsentwicklung“

  • Sandrino wurde mit 9 Monaten aus dem Heim als gesundes Kind adoptiert, hatte Schlafstörungen, er war sonst unauffällig.

  • In der Grundschule kommt er gut mit, er treibt aktiv Sport, spielt Blockflöte und malt.

  • Zu Mengen, Raum und Zeit hat er keinen Bezug. Er erzählt Fantasiegeschichten und neigt zu Schwindeln und Lügen.

Der Kontakt zu den leiblichen Geschwistern wird verwehrt, worauf er mit starker Wut reagiert. Einige Jahre später erfährt er von der älteren leiblichen Schwester vom Alkoholmissbrauch und dem frühen Tod seiner Mutter. Er hat eine starke innere Unruhe und depressive Phasen („Wer bin ich, welchen Sinn hat mein Leben, wo ist mein Platz in der Gesellschaft?“).

Er hat immer wieder Konflikte mit der Polizei durch Diebstähle und Gewaltausbrüche. Es kommt zum Schulabbruch in der 9. Klasse ohne Abschluss. Er kann nicht mehr und kommt in eine Klinik für Kinder­psychiatrie:  Dort wird er auf eine vorgeburtliche Alkoholschädigung untersucht mit der Diagnose: „Kein Anzeichen für Alkoholembryopathie, da er keine Frühförderung hatte!“

Ein berufsvorbereitendes Jahr als Reha-Maßnahme wird auch zweimal nacheinander abgebrochen. (Sündenbock, Schulschwänzen) 2005 beantragt er nochmals freiwillig einen Aufenthalt in  der Jugendpsychiatrie. Eine Verlängerung wird trotz Kassenzusage abgelehnt mit der Begründung: „Wir sind kein Aufenthaltsort für „Looser“ und Arbeitsscheue!“

Danach hat er wieder Konflikte mit der Polizei und neigt zu Gewaltausbrüchen.

Der junge Mann war selbst anwesend und bestätigte die Angaben von Spohr. Es bleibt zu hoffen, dass eine Lösung für sein Leben gefunden wird, in der er adäquat gefördert, gefordert und vor allem auch verstanden wird.

Spohr erklärt was eigentlich nötig ist, um ein unabhängiges, eigenständiges Leben führen zu können:

  • stabile positive soziale Beziehungen

  • Unabhängigkeit

  • adäquate Kommunikation

  • angemessenes Urteilsvermögen bei Arbeit und Schule

  • adäquates Verhalten in Gemeinschaft

Häufig werden Menschen mit FASD ständig missverstanden. 50 % der Erwachsenen mit FASD haben ADS – sie kompensieren ihren Erinnerungsverlust oft mit erfundenen Geschichten, dem so genannten Konfabulieren. Es besteht nur eine geringe Wirkung von Bestrafung und Belohnung und darüber hinaus eine erhöhte Anfälligkeit für delinquentes Verhalten.

Probleme der Erwachsenen vor Gericht

  • Lächeln vor Gericht wird als Reulosigkeit ausgelegt.

  • Druck bei Verhören führt zu unrichtigen Geständnissen (da die Folgen der Geständnisse nicht erkannt werden).

  • Sie sind rasch zu verunsichern, wenn sie als Zeugen aussagen und gelten aus diesem Grund als unglaubwürdig.

  • Sie wollen positiv angenommen werden, reden sich um Kopf und Kragen wundern sich dann, dass sie eine Gefängnisstrafe erhalten.

Gela Becker – Thema: Vorstellung des Wohnprojektes für junge Erwachsene mit FASD

Menschen mit FASD haben oft keine Möglichkeit traumatisierende Erlebnisse zu bewältigen. Oft müsste dieses Syndrom auch: „Fetales Foltersyndrom“ heißen, denn sie haben nicht nur die vorgeburtliche Schädigung, sondern außerdem oft noch Traumatisierungen erlebt. Hinzu kommt, dass sie aufgrund ihrer vorgeburtlichen Schädigung nicht der Norm entsprechend reagieren können. Indem sie aus diesem Rahmen fallen, ecken sie oft überall an und werden nicht als der Mensch akzeptiert, der sie sind.

Aufgrund der strukturellen und chemischen Veränderungen im Gehirn (Frontalhirnsyndrom  (siehe Begriffserklärung) und daraus resultierende Executivstörung) können sie häufig – wenn sie 18 sind – nicht selbstständig in das Leben entlassen werden. Becker stellt uns ihr Wohnkonzept in Berlin vor und die großen Probleme, vor denen sie als Institution stehen, dass das Syndrom selbst nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt ist. Sehr häufig kommt es außerdem vor, dass Patienten nirgendwo richtig eingeordnet werden – denn in Therapieformen und Wohnprojekten gibt es die Einteilung in psychische Erkrankungen und geistige Behinderungen.  Eingliederungshilfen können beantragt werden unter § 53.

Dr. Martin Zobel – Thema: Kinder aus Suchtfamilien

Zobel erläuterte uns, unter welchen Bedingungen Kinder häufig aufwachsen müssen, welchem Druck sie ausgesetzt sind und wie sich diese äußeren Umstände auf das Verhalten der Kinder auswirken.

Aus Studien geht hervor, dass Menschen mit FASD eine andere subjektive und physiologische Reaktion auf Alkohol zeigen.

Wichtige Rituale in unseren Familien sind:

  • gemeinsame Mahlzeiten  am Tisch

  • gemeinsame Unternehmungen am Sonntag

  • Geburtstagsfeiern der Kinder

  • Weihnachten oder Ostern feiern.

Dies fehlt häufig den Kindern.

Die Suchtentwicklung der Kinder: 

  • 30% entwickeln eine Abhängigkeit

  • 10 bis 15% konsumieren Alkohol missbräuchlich 

Für Kinder aus Suchtfamilien entstehen dem Staat erhöhte Kosten von 36%.

Die so genannte Alkoholtoleranz ist eventuell genetisch bedingt. Es gibt Menschen, die können physiologisch mehr vertragen als andere Menschen, sie waren vom ersten Schluck an Alkoholiker. Sie haben z.B. eine erhöhte Stressdämpfung nach Alkohol.

Schutz für diese Menschen ist, wenn sie innerlich (charakterlich) widerstandsfähiger sind (z.B. bei Peer Group, Gruppendruck), oder sie den Alkohol schlecht vertragen. Wichtig ist für sie auch, dass sie eine geringere Erwartung der positiven Effekte haben.

Aus dem Zusammenleben mit suchtkranken Eltern oder Elternteilen ergibt sich außerdem noch ein verändertes Rollenverhalten der Kinder.

Wichtig fand ich, dass Zobel das abweichende Rollenverhalten der Kinder in Suchtfamilien darstellte, denn häufig werden eben diese Kinder in Pflege- oder Adoptivfamilien vermittelt und niemand weiß so recht, warum dieses Kind immer den Helden spielen will oder den Clown.

In der Regel ist es so, dass der Partner eines alkoholabhängigen Menschen – ob Mutter oder Vater – als Co-Abhängiger dessen Verhalten deckt. Es wird als nicht so schlimm dargestellt, es werden Ausreden benutzt, um das Verhalten zu erklären. Die Realität wird nicht gesehen und alles getan, um die Sucht nicht offenbar werden zu lassen. Somit dreht sich im Grunde genommen alles um den suchtkranken Elternteil – dahingegen dreht sich überhaupt nichts um die Kinder.

Meist gerät der Erstgeborene aus diesem Grund in die Rolle des Helden. Er umsorgt teilweise einen oder beide Elternteile, er versorgt seine kleineren Geschwister. Oft sind es ganz junge Kinder, welche die Rolle eines Elternteils übernehmen – Zobel berichtete von einem 5-jährigen Kind, welches das Wohlergehen des noch jüngeren Geschwisterkindes nur nach Vergewisserung, dass sich auch adäquat gekümmert wird – in ärztliche Hände gab.

Eines der Kinder in Suchtfamilien – meist ist es das Zweitgeborene – das ist der so genannte Sündenbock. Es wird für alles getadelt, was schief läuft und verhält sich dann später aber auch so, dass diese Rolle aufrecht erhalten wird.

Ein Kind ist der Träumer. Es denkt sich in eine andere Realität – weit weg von der eigenen Familie sucht es sein Glück in Luftschlössern und Geschichten.
Dann gibt es den Friedensstifter und den Clown, manchmal auch das „unsichtbare“ brave Kind.  Der Friedensstifter stellt die Harmonie über alles und versucht immer, alle Parteien zusammen zu bringen, der Clown zieht wieder die Aufmerksamkeit auf sich durch die Possen, die er vollzieht, die witzigen Sprüche und sein lustiges Auftreten: „In dieser Familie kann ja nichts falsch sein bei so einem Kind!“ täuscht dieses Verhalten oft vor.
Es gibt auch das stille, unsichtbare Kind. Es ist besser, unscheinbar und unsichtbar zu sein, als jemandem in die Quere zu kommen und seine Blicke auf sich zu ziehen.
Ganz wichtig ist es, dass man weiß, dass dieses Rollenverhalten bis ins Erwachsenenalter mit übernommen wird und oft große Probleme in Partnerschaften macht.

Abschließend möchte ich sagen, dass Fasworld e.V. es verstanden hat, sowohl Eltern und Laien als auch Ärzte und Fachkräfte für dieses Thema zu begeistern. Viele wichtige problematische Bereiche im Leben eines Menschen mit FASD wurden erkannt und die entsprechenden Fachleute angesprochen. Einmal „infiziert“ mit dem Virus „Fetales Alkoholsyndrom“, gelingt es auch meist, diese Menschen in die Arbeit von FASworld einzubinden.

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