Frühkindliche Traumata – Annäherung an die nur schwer zu erkennenden sprachlosen Traumen der frühen Kindheit

 

Hilfen im Umgang mit traumatisierten Kindern

Referentin:
Hildegard Niestroj, Dipl.-Pädagogin, Frankfurt a. M.

 

Freitag, 15. November 2002

Stiftung zum Wohl des Pflegekindes, Holzminden

Als Einführung eine Abschrift aus dem Referat vom 25. April 1998:

Einleitung: vom Mitgefühl für seelisch verletzte Kinder

„Hast Du so etwas wie ich auch schon einmal erlebt, warst Du auch schon einmal in einem Kinderheim?“ wurde ich von Martin gefragt, dessen negative frühe Erfahrungen zu seiner Lebensgeschichte gehören, - um dann prompt von ihm gesagt zu bekommen: „Dann kannst Du das auch nicht richtig verstehen, was ich Dir erzähle.“ Ich musste Martin Recht gegen und akzeptieren, dass für mich als „Außenstehende“ die Einfühlung in sein kindliches Erleben wenn überhaupt, so doch nur sehr bruchstückhaft sein kann, und dass ich letztendlich nur versuchen könnte, mich seiner Innenwelt behutsam anzunähern. Aber ich wollte Martin gern verstehen, mit ihm fühlen können, und das sagte ich ihm auch.

Mitgefühl für ein traumatisiertes Kind zu entwickeln bedeutet, sich von dem, was das Kind selbst erlebt und erlitten hat, ein Bild zu machen und sich von dessen innerem Erleben bewegen, ja, packen zu lassen, dass man fühlt, als hätte man selbst das erlebt, was dieses Kind real erlebt hat. Durch das Nachvollziehen seines Leids wird man dann selber von Kummer ergriffen und die Vorstellung davon, wie dieses Kind sich gefühlt haben mochte und welche Ängste in ihm freigesetzt worden sind, wirkt so unerträglich, dass man alles daran setzt, das Leid dieses Kindes zu mindern, gerade so, als sei es das eigene.

Was könnte das Mitgefühlt für das frühkindliche Erleben traumatisierter Kinder in Pflegefamilien erschweren?

·        Unzureichende Informationen aus der (Vor-)Geschichte des Kindes;

·        Was man selber nicht gesehen oder miterlebt hat, ist generell schwerer vorstellbar und von daher auch schwerer präsent zu halten;

·        Die Neigung, alles was geschieht, aus seiner eigenen Sicht zu beurteilen und diese persönlichen Erfahrungen auf andere zu übertragen;

·        Das Wissen um die Grenzen der eigenen Möglichkeiten in der Erziehung – als Pflegeeltern, Therapeutin, als Sozialarbeiterin im Pflegekinderbereich – könnte mit dazu beitragen, familiäre Traumatisierungen in Herkunftsfamilien zu bagatellisieren, oder das ungeschehen machen zu wollen, was Kinder als höchst erschreckend und schwer bedrohlich erlebt haben;

·        Schuld und Schamgefühle darüber, das Leid eines Kindes nicht verhindert oder die Anteilnahme verweigert zu haben;

·        Die Leugnung der besonderen Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit eines Kindes;

·        Die Tendenz, seelische Verletzungen insgesamt zu ignorieren und lediglich die körperlichen Verletzungen als solche wahrzunehmen;

·        Konzentration der Pflegeltern oder aber auch anderer Fachkräfte auf eigene Belange;

·        Die eigene (Vor-)Geschichte der Pflegeeltern

·        Wenn verleugnende leibl. Eltern (wie z.B. bei sexuell überwältigenden Überstimulierungen) die Verleugnung auf das Kind übertragen hatten, so dass es sich in seiner inneren Abhängigkeit weiterhin gefangen fühlt und nun die Pflegeeltern ebenfalls in das Verleugnungssystem einzubinden versucht;

·        Das Kind selbst will vielleicht vergessen, will Stillschweigen bewahren über die Schrecken der Vergangenheit, befürchtet es doch nichts so sehr, als dass die Vergangenheit wieder erweckt und zur Realität werden könnte mit ihren panikartigen Ängsten und der ungeheuren Wut, d.h. Gefühlen, von denen es überwältigt wird.

Sich trotz der genannten Schwierigkeiten dem Kind, für das man Verantwortung übernommen hat, an die Seite zu stellen, hellhörig zu werden für das, was es mitteilen möchte, sein Vertrauen zu erwerben und sich von ihm  an die Hand nehmen zu lassen, das ist eine Herausforderung füll all diejenigen, die tagtäglich mit seelisch verletzten Kindern in Berührung kommen. Denn Kinder spüren, ob Sie sich als Pflegeeltern, als Therapeutinnen oder SA stillschweigend untereinander darüber geeinigt haben, seine belastende (Vor)Geschichte aus seinem jetzigen Leben auszuklammern als sei sie gar nicht geschehen, oder ob Sie gewillt sind, sich diesem Ansinnen zu verweigern und statt dessen bereit sind hinzuschauen, um die ‚unverdaulichen’ Erfahrungen in der Lebensgeschichte des Kindes mit zu halten und mitzutragen. Dann besteht eine reale Chance für diese Kinder, dort abgeholt zu werden, wo sie durch eine hoch beängstigende und unverarbeitbare traumatische Erfahrung einen Bruch in ihrer Entwicklung erlitten haben, wo das Trauma unintegriert geblieben ist und weiterhin störend auf die Entwicklung einwirkt.

Das innere Bündnis mit dem Kind

„Bevor ich auf das eigentliche Thema eingehen werde, möchte ich jeden einzelnen von Ihnen anregen, ein inneres Bündnis mit dem unverletzten Kind zu schließen, also mit einem Kind, welches noch keinen tiefgreifenden Schaden hat erleiden müssen. Dies ist meiner Erfahrung nach eine Möglichkeit, das ‚schwerverdaulich’ Thema der frühkindlichen Traumata besser aufnehmen und einordnen zu können, d.h. ein sensibleres Leidverständnis gegenüber kleinen Kindern zu entwickeln, um dann auch motiviert an Überlegungen einer Leidminderung arbeiten zu können. Stellen Sie sich einen zufriedenen satten Säugling vor, der, nachdem er liebevoll umsorgt wurde, - nun mit sich und seiner Welt im Einklang – sich in sein Bettchen legen lässt und Sie von dort aus mit offenen Augen anschaut. Solche Blicke bleiben jedem, der das Glück hatte, diese erwidern zu können, ein unvergessenes Erlebnis.

Wenn die grundlegenden Entwicklungsbedürfnisse eines kleinen Kindes zur rechten Zeit beantwortet werden, wie: seinen Platz zu haben, ernährt zu werden, geschützt zu sein, Unterstützung zu bekommen und Grenzen zu erleben, ist das kleine Kind fähig zum Dialog; um der Gefahr einer Idealisierung entgegenzutreten, ist es gut zu wissen, dass es normalerweise 3 ½ bis 15 mal pro Stunde zum Konflikt zwischen Eltern und kleinen Kindern kommt.“

Vortrag von Frau Niestroj am 15.November in Holzminden

Die Möglichkeit von Kindern, Außenreize aufzunehmen und zu verarbeiten sind individuell sehr verschieden und ändern sich ihrem alter entsprechend. Jedes Kind hat ein Stimmungs-Niveau. Bei seiner Unterschreitung beginnt der Säugling nach Reizen zu suchen; bei Überschreitung weicht er der Stimulation aus. Wird ihm bei der Reizregulation geholfen, verfügt der Säugling über die Fähigkeit, mit den äußeren Stimulierungen fertig zu werden.

Mütterliche Sorge ist ein Reizschutz und hilft bei der Angstbewältigung.

Was ist, wenn die Reizschranke durchbrochen wird?   Dies erzeugt Stress = Angst, Hilflosigkeit, Wut.

 

Posttraumatische Belastungsstörungen:

Ein Kind ist darauf angewiesen, dass Eltern ihre eigenen Belange derart in Einklang bringen mit den Bedürfnissen des Kindes, dass das Kind keinen Schaden leidet. Bei einer Familien-Traumatisierung hat das Kind einen Schaden erlitten durch die Angehörigen. Es war hilflos und ausgeliefert.

Das Kind ist dadurch permanent in Alarmbereitschaft und beobachtet den Erwachsenen genau. Es erkennt winzigste Veränderungen im Gesichtsausdruck als Signal für Wut, Erregung .... Aus sich selbst heraus aufblühen können ist nicht möglich. Die Kinder können sich nicht entwickeln. Sie entwickeln einen demonstrativen automatischen Gehorsam. Als Abwehrmaßnahme bagatellisieren sie, deuten vieles um als ‚normales’ Geschehen, ihre Wahrnehmung ist abgespalten. Dies geschieht, um die Eltern zu schützen. Kann das Kind das Verhalten der Erwachsenen nicht erklären, versucht es einen Grund zu finden. Es denkt, dass es selbst Schuld hat – es nimmt die Schuld auf sich.

 

In einer Familientraumatisierung gibt es drei Phasen.

  1. Phase ó intensive Beziehung zum Kind

  2. Phase ó es kommt zu einer intensiven Interaktion seitens des Erwachsenen und somit zu einer Reizüberflutung des Kindes

  3. Der Erwachsene tut so, als habe sich nichts zwischen Ihnen ereignet. Das Kind weiß nicht mehr, was es denken soll.

 

Folgen der Traumatisierung sind größer

 

„Eine feinfühlige Bindungsperson kann viel ausgleichen.“

 

Folgeerscheinungen sind:

 

Vernachlässigung gilt teilweise nicht als Trauma, aber -

„Es ist unerträglich:
Ein Kind, dass Hunger hat und nichts bekommt = Vernachlässigungen sind auch Traumen“

Hat ein Kind genügend Abstand (zum Agressor) und weiß es sich in Sicherheit, dann können die Szenen hochkommen – zur Aufarbeitung. Dann werden die Pflegeeltern in die Rolle der eigenen Eltern gerückt. Erst, wenn das Kind genügend eigene stabilisierende Erfahrungen gemacht hat, kann es alles aufarbeiten. 

 

Konflikte, die im zwischenmenschlichen Bereich entstanden sind, können  auch nur im zwischenmenschlichen Bereich korrigiert werden. Kinder können das nicht alleine tragen.

„Sie müssen nur einmal richtig verstanden werden. Das ist für ein Kind mehr, als nie verstanden zu werden. Es ist schon die Welt für so ein Kind. (Häufig wird das Trauma von Erwachsenen bagatellisiert oder dem Kind wird nicht geglaubt, das macht die Sache für das Kind noch unerträglicher)“

 

Praxisbeispiel, Fragen, die sich jeder selbst beantworten kann:

 

Fallbeispiel:

Die Eltern des kleinen Martin zogen vor der Geburt zusammen. Die Beziehung war gestört durch den Altersunterschied. Der Vater war häufig arbeitslos, trank übermäßig viel Alkohol und im berauschten Zustand schlug er die Mutter oft, und zwar vor, während und auch nach der Schwangerschaft. Am meisten habe der Vater die Mutter während der gesamten Schwangerschaft geprügelt, sie aber auch anderweitig misshandelt. Mehrfach habe er sie – die Mutter – in den leib geboxt, sie mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, sie die Treppenstufen hinunter gestoßen. Nach der Geburt des Jungen habe sich hieran wenig geändert: Der Vater habe den Jungen in dessen früher Lebenszeit wenig geschlagen, ihn jedoch häufig in angetrunkenem oder betrunkenem Zustand auf den Arm genommen. Martins Geburt war von beiden Eltern unerwünscht, zudem hat die Mutter den Jungen wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Vater abgelehnt. Das Kind war mit zwei Jahren schon auffällig. Martins Geburt war von beiden Eltern unerwünscht, zudem hat die Mutter den Jungen wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Vater abgelehnt. Das Kind war mit zwei Jahren schon auffällig. Er zerstörte sein Spielzeug, zerriss seine Kleidung, verhielt sich provozierend, hatte Angst. Die Mutter fühlte sich völlig überfordert und schlug immer häufiger und heftiger zu. In der Angst, dem Jungen einen Schaden zuzufügen, wendete sie sich ans Jugendamt am ende seines 4. Lebensjahres kam das Kind in ein Heim.

In der Schule hatte er Anpassungsschwierigkeiten, provokante Affekte und tendierte zum emotionalen Rückzug.

Frau Niestroj therapierte ihn und frug ihn einmal: „Was ist das Schlimmste, wie jemand sich fühlen kann?“   Er antwortete: „Die Angst!“  und er zeichnete die Angst.

„Wir können es auch noch nicht ganz begreifen, was so ein Kind durchmacht.“

Ein Trauma ist auch Angst vor Vernichtung.

Ein nicht erwünschtes Kind zu sein ist ein Urtrauma – wie ein Damoklesschwert schwebt es über dem Leben des Kindes.

Die Pflegeeltern fragen sich: „Schaffen wir das?“ Die Schule fragt sich: „Ist das Kind tragbar für uns.“  Und so empfindet das Kind überall nur ein geduldet sein und weiß nie, was weiter geschieht. 

Prof. Hüther meinte dazu einmal: „Wenn man ein Kind erziehen will, braucht man dazu ein ganzes Dorf.“

Was weiter wichtig ist, dass dem traumatisierten Kind Wahlmöglichkeiten bleiben.

Die Szene des Gezwungenseins ist zu belastend für das Kind. Frühe Bindungsstörungen lassen das Verhalten der Kinder als geistige Krankheiten erscheinen.

Haltungen dem Kind gegenüber:

(Anm.: Hier sind Zitate aus dem Referat von 1998 und dem Vortrag von 2002 gemischt, der Vollständigkeit halber)

Grundregeln

Es kommen ganz heftige Affekte in die Pflegefamilie. Wut, Scham, Kränkung, Schuld, Ohnmacht, Enttäuschung. Umgang mit heftiger Wut und Hass ó auch wen sie es nicht können = sagen Sie dem Kind: „Ich würde dich gerne verstehen.“ Kinder halten den Wunsch schon für die Tat. Eine demütige Haltung einnehmen: „Ich habe das nicht erfahren.“ Den Wunsch = ich möchte dich verstehen brauchen die Kinder – es ist wichtig, dass wir es aussprechen.

Die jeweilige Gefühlslage erkennen, widerspiegeln und benennen, damit das Kind einen Namen dafür hat. : „Ich bin traurig, ich habe Wut.“  Wahrnehmen und aussprechen.

Die Gefühlslage verstehen und entsprechend  beantworten: z.B.: Baby weint und ich gehe lachend hin und beachte die Gefühlslage nicht – das ist nicht die richtige Reaktion. Wenn der Mann abends erschöpft nach Hause kommt, evt. gefrustet und die Ehefrau kommt ihm lustig entgegen – fühlt er sich genauso irritiert.

Wir wollen gerne dort abgeholt werden, wo wir stehen – aber nicht miteinander untergehen.  D.h. die Gefühlslage erkennen und anerkennen, sich aber nicht mit herunterziehen lassen.

 

Affektregulierung –  wenn das Kind auf eine Auseinandersetzung hinsteuert:

Den Fluchtweg offen lassen, das Kind nicht in die Enge treiben.

Feinfühlig und emotional an das Kind herangehen. Dass das Kind spürt, dass es gehalten wird. Es gibt eine analytisch orientierte Musiktherapie, wo Gefühle über Instrumente ausgedrückt werden können.

Buchempfehlung:

Traumatisierte Kinder in Pflegefamilien und Adoptivfamilien Buch:

Henrike Hopp, Gerald Hüther, Susanne Lambeck, Steffen Siefert        12,00 €

Einführung: Henrike Hopp

I.Traumatisierung und Retraumatisierung:

Gerald Hüther:

“Und nichts wird fortan so sein wie bisher. Die folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung.“

Susanne Lambeck:

„Wer von Menschen verletzt wurde wird Menschen gegenüber misstrauisch bleiben 1. Was ist überhaupt ein Trauma 2. Vom Erkennen des Traumas zur Hilfe für das Kind 3. Was ist los im Kopf des Pflegekindes beim Besuchskontakt

Henrike Hopp

„Die „Sprache“ traumatisierter Pflegekinder – und das häufige „Nicht-Verstehen“ dargestellt an Beispielen aus der Praxis

II. Rechtliche Grundlagen und rechtliche Möglichkeiten

Henrike Hopp

„Verhindern oder zulassen – Möglichkeiten der gesetzlichen Grundlagen zum Schutz traumatisierter Pflegekinder.“

Steffen Siefert

Rechtliche Bedeutung von Traumatisierung

Die Möglichkeiten des Opferentschädigungsgesetz.

III. Materialien Beschluss vom Bundesverfassungsgericht.

VI. Bücherliste, Webseiten, Adressen Autoren ca. 130 Seiten 12 €

Bestellung über: PAN pflege- und Adoptivfamilien NRW e.V.

Heimgart 8

40883 Ratingen

eMail: Pfad-NRW@t-online.de

 

Information über weitere Seminare:

www.Stiftung-Pflegekind.de

Zusammenfassung von S. Reinhardt,
 

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